Zur Geschichte von Giesel

 

Am östlichen Abhange des Vogelsberges erstreckt sich in ei­nem schmalen, von bewaldeten Höhenzügen umgebenen Tale das Dorf Giesel. Nur an einer engen Stelle öffnet sich der Ring, den die herrlichen Wälder um das Dorf schließen. Durch eine saftig grüne Au schlängelt sich der Gieselbach, um bei Kohl­haus in die Fulda zu münden. Es ist ein verträumtes, fried­liches Walddorf, dessen Ruhe wenig gestört wird durch den Ver­kehr; denn die Straße, die von Fulda über Giesel in den Vo­gelsberg führt, ist wenig belebt.

 

Nordwestlich von Giesel erhebt sich der etwa 500 m hohe Himmelsberg. Er verdankt seine Entstehung, wie der Vogelsberg und die Rhön, den gewaltigen Vulkanausbrüchen frühge­schicht­licher Zeit. Die glühend heißen Lavamassen wurden aus dem Erdinnern hervorgespült und erstarrten auf der Oberfläche zu Basaltgestein. Unter diesem Gestein, das nur im Wald­gebiet Himmelsberg vorherrscht, lagern in geringer Tiefe Braunkohlen. Den Abbau der Kohle, der schon einmal vor 1900 und in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts betrieben wurde, musste man wieder einstellen, da der Heizwert noch zu gering war.

 

Außer dem Basaltgestein des Himmelsberges, besteht der Boden um Giesel aus Buntsand­stein. Er ist schwer zu bearbeiten und bringt trotz des hohen Maßes an Düngungs- und Ar­beitsaufwand nur mittelmäßige Erträge. Deshalb hat man auch die landwirt­schaftliche Nut­zungsfläche durch Rodung des Waldes nicht wei­ter ausgedehnt, denn die Erträge des Waldes übertreffen in un­serer Gegend die Landwirtschaft bei weitem.

 

Während der Sandboden des ,,Gieseler Forstes“ meistens Nadel- und Mischwald trägt, ist der Basaltboden des Hinmelsberges mit Laubwald bestanden. Seltene Pflanzen, wie Aronstab, Seidelbast, Türkenbund und viele andere bilden den Bodenwuchs des Himmels­berges, so dass er vor allem im Frühling und Sommer ein parkähnliches Gepräge trägt.

 

Diese schöne Landschaft ist die Freude und der Stolz aller Gieseler. Obwohl sich die meisten Einwohner ihre Arbeit außer­halb suchen müssen, bleiben sie doch ihrer von den Vätern er­erbten Scholle treu und kehren immer wieder in ihr schönes Heimatdorf zurück. Aber nicht nur die Gieseler, sondern auch viele Fremde, die Erholung, Entspannung, Gesundheit und Freude suchen, die die Schönheit und Stille des Waldes genießen wol­len, wandern zu allen Jahreszeiten in diese gottgesegneten Wälder des ,,Gieseler Forstes“.

 

Auf kulturhistorischem Boden steht unser heute ca. 1100 Einwohner zählendes Dorf Giesel. Das Gebiet wurde schon 1500 — 1000 v.Chr. von wandernden Menschen, wahrscheinlich von aus dem Osten kom­menden Salzhändlern durchschritten, die auf den alten Verkehrs­wegen nach Westen zogen, um dort ihre Produkte anzubieten.

 

Davon gibt uns ein Grabhügel Zeugnis, der gelegentlich eines Wegebaues im Buchenwald bei Giesel entdeckt wurde und in dem man eine Reihe von Funden machte, die aus jener Zeit herrühren.

 

Zur Entstehung des Dorfes, dessen Gründung vermutlich am Anfang des 9. Jahrhunderts liegt, mögen vor allem die alten Verkehrswege beigetragen haben. Einmal die Antsanvia, eine alte Heer- und Handelsstraße, die aus dem Raume Mainz kommend, den Höcker in meh­reren Rinnen durchschnitt und unterhalb der Siebertsheiligen zusammenlief, um von hier aus ihren Weg in Richtung Kleinheiligkreuz zu nehmen. Ferner der Ortesweg, ebenfalls eine alte Verkehrsader, die aus der Wetterau kam und unmittelbar an unserem Dorf vorbeiführte.

 

Ein weiterer für die Entstehung des Dorfes nicht unerheblicher Grund war der, dass das heu­tige Giesel im Bereich der ,,Karl­mannschenkung“ lag. Es ist dies das Gebiet, das der fränki­sche Hausmeier Karlmann im Jahre 743 dem hl. Bonifatius schenkte. Die südwestliche Grenze dieser Landschenkung bildete ein heu­te noch sichtbarer, breiter Rasenweg, der sich vom Mägdekreuz über den Höcker bis zur Siebertsheiligen hinzog. Am Endpunkt dieses Grenzganges, unmittelbar in der Nähe des Bildstockes Siebertsheiligen, steht noch heute ein markanter Grenzblock, der das Ende des Klosterbezirkes nach Westen hin andeutete. Dieses südwestliche Gebiet der Karlmannschenkung war bis dahin die am wenigsten bewohnte Ge­gend des alten Kreises Fulda und mag dann im Laufe der Zeit vom Kloster aus besiedelt wor­den sein.

 

Urkundlich wird der Bach Giselaha zum ersten Male in dem um 800 entstandenen Buch ,,vita Sturmii erwähnt. In diesem Buch, in dem das Leben des hl. Sturmius, des Klostergründers von Fulda geschildert wird, heißt es: “Weiter zog nun der Gottes­mann durch die schreckliche Wildnis. Nichts zeigte sich seinen Blicken, als wilde Tiere, von denen es daselbst eine Menge gab, Schwärme von Vögeln, gewaltige Bäume und öde Flächen. Am vierten Tag ging er dann über den Ort, wo jetzt das Kloster liegt hinaus und kam weiter oben an die Stelle, an der die Giesel mit der Fulda sich vereinigt." — Nach diesem Bach er­hielt unser Dorf seinen Namen. Er scheint aus dem Keltischen abgeleitet zu sein und ist vermutlich eine Weiterbil­dung zu dem Wortstamme ,,gis“ (ähnlich wie Visur-gis (Weser), das auch keltischer Herkunft ist) sowie dem neukeltischen Wort ,,gaisidh“ (Gebirgsbach) und mag sich im Laufe der Jahr­hunderte über Gysilaha, Gisala, Gisela, Gysela, Gisel zu dem heutigen Dorfna­men Giesel weitergebildet haben.

 

Das Dorf selbst wird zum ersten Male im 12. Jahrhundert urkund­lich erwähnt. Es war zu dieser Zeit Wüstung geworden und wurde von dem Mönch Dudo, der im Kloster zu Fulda von 1140 bis 1160 das Amt des Cellerarius (Verwalter) bekleidete, mit viel Mühe wieder aufgebaut, besiedelt und dem Kloster zur Nutznießung übergeben. Kurze Zeit später erhielt auch der Ort eine eigene Kapelle, die der hl. Maria Magdalena geweiht war. Doch zu Be­ginn des 14. Jahrhunderts war die Kapelle verfallen. Aber schon wenige Jahre später gelang es dem in Fulda wohnenden Leibarzt des Kaisers Heinrich VII, mit Namen Nikolaus. von den Edelleuten Eckehard und Megaldis von Bleichenbach ein Grundstück käuf­lich zu erwerben, so dass er mit Genehmigung des Abts Hein­rich um 1330 eine neue Kapelle errichten konnte. Das Kirchlein erhob sich auf dem heutigen alten Friedhof. Es war schlicht und einfach, ,,ohne jedwede Ziert und Kunst“. Der Bau war nach Sonnenaufgang gerichtet und hatte ein Flächen­maß von 54 x 18 Schuh (1 Schuh = 0,2828 m ), während das Flächenmaß der Sakris­tei 10 x 10 Schuh betrug. Im Innern ver­fügte er über einen Haupt- und Nebenaltar, sowie über eine Mutter-Gottes-Statue und Stationsbilder. Um die Kapelle er­streckte sich der Toten­acker, der von einer Mauer umgeben war.

 

Zu dieser Zeit war Giesel eigene Pfarrei Doch kurz vor Beginn des 3o-jährigen Krieges wurde es mit Haimbach in Per­sonalunion verbunden. Fast über hundert Jahre blieb das Dorf Filiale, bis es dann im Jahre 1731 durch den Fürstabt Adolf von Dalberg wieder zu einer ei­genen Pfarrei erhoben wurde.

 

Aber nicht nur die Kapelle, sondern auch das Dorf und das zu unbekannter Zeit erbaute Schloss waren zu Beginn des 14. Jahr­hunderts Wüstung geworden. Der Grund dieses Wüs­tungsvorganges, dem nicht nur unser Dorf, sondern auch weite Landstriche Deutschlands zum Opfer fielen, ist wohl in einer allgemein einsetzenden Klimaverschlechterung zu suchen. Die Bauern ver­standen nicht, sich dem neuen Klima anzupassen und verließen Haus und Hof, um sich in geschützteren Lagen anzusiedeln.

 

Der Aufbau und die Neubesiedlung des Dorfes begann mit dem Bau des Schlosses ,,villa Gy­sela“, das sich an der Stelle der heutigen ,,Oberförsterei“ erhob. Das Schloss selbst wurde stark befestigt und mit einem tiefen Wassergraben umgeben. Fürstabt Heinrich VI. (1315—59) befand sich nämlich zu dieser Zeit in einer gefährlichen Lage. Er hatte Feinde in der gan­zen Umgebung. Sogar die Fuldaer Bürger waren wiederholt in den Auf­stand getreten. Er brauchte deshalb für Zeiten der Bedrängnis sichere Zufluchtsstätten, und zu einer solchen machte er die ,,villa Gysela“ im abgelegenen Vogelsberg.

 

Bald sollte sich der Wiederaufbau des Dorfes für die Fuldaer Fürstäbte lohnen, denn am 1. Januar 1357 wurde ihnen von Kai­ser Karl IV. das Privileg erteilt, in Giesel Zoll zu erheben. Jeder Kaufmann, der mit seinen Pferden und Waren bei Giesel fuldisches Gebiet betrat, musste einen Schilling Zoll bezahlen. Jeglicher Verstoß gegen die­ses Gesetz war mit Strafe bedroht. Die Stelle, an welcher der Zoll gehoben wurde, befand sich am Höcker, und zwar dort, wo die Antsanvia die südöstliche Grenze des Klosterbezirkes durchschnitt. Unmittelbar in ihrer Nähe stand eine alte Birke, die seit dieser Zeit im Volks­mund den Namen ,,Zollbirke“ trägt. Wie lange der Zoll gehoben wurde, und wie hoch die Einnahmen waren, findet nirgends Erwähnung. Je­denfalls kann man aber aus dem Umstande, dass Abt Heinrich VI. für Giesel das Zollprivilegium beantragt hatte, schließen, dass auf der Antsanvia zu dieser Zeit reger Handelsverkehr herrschte, und dass die Einnahmen aus dieser Quelle recht erheblich waren.

 

Im Jahre 1376 setzte Abt Konrad den Götz von Sassen und dessen Frau zu Erbburgmannen im Schloss zu Giesel ein und gab ihnen einen zum Schloss gehörigen Hof mit Äckern als Lehen.

 

Während Giesel bis dahin fuldische Besitzung geblieben war, wechselte es unter dem stark verschuldeten Fürstabt Johann mehrmals seinen Besitzer. Zunächst verkaufte er Dorf, Schloss und Gericht Giesel samt allem Zubehör an Clas von Leibolz für 300 ,,wichtige Gulden“. Doch nur kurze Zeit sollte er sich des Besitzes erfreuen, denn bereits im Jahre 1401 veran­lasste der Abt seinen Konvent, Dorf und Schloss Giesel bei Clas von Leibolz wieder einzulö­sen. Aber schon zwei Jahre später ver­äußerte er wiederum unser Dorf an Clas von Leibolz, bis er es im Jahre 1439 seinem Stiftskapital ,,auf ewig“ verkaufte. Doch Abt Reinhart kaufte 1450 Ort und Schloss wieder zurück, und seit dieser Zeit ist unser Dorf wieder fuldische Be­sitzung.

 

In den folgenden Jahren erlangte Giesel, vor allem durch den Einfluss der an ihm vorbeifüh­renden Handelsstraßen, für die Fürstäbte mehr und mehr an Bedeutung, so dass Abt Johann im Jahre 1510 dem Ort eine Gastwirtschaft bewilligte. Die Ver­leihung dieses Gastwirt­schaftsrechtes stellte für Giesel ein großes Privileg dar, denn die Zustimmung zur Errichtung eines solchen Betriebes hing von der Gunst des jeweiligen Fürstabtes ab und stellte ein herr­schaftliches Lehen dar. — In der Urkunde, die diesem Ereignis zugrunde liegt, wurde dem Heinz Becker aus Giesel und seiner Ehefrau das Gastwirtschaftsrecht auf 8 Jahre verliehen. In diesem Recht waren enthalten: einmal das gesamte Anwesen, nämlich Haus, Hof, Äcker und Wiesen; zum andern das Recht, Wein und Bier auszuschenken; ferner die Bäckerei und der Verkauf von Weck und Brot. Darüber hinaus erhielten sie noch das Herbergsrecht, Je­doch mit der ausdrücklichen Mahnung, Fremde nicht zu überfordern. Als Pachtzins hatten sie jährlich 5 Geschock Groschen fuldischer Währung zu entrichten. Für die Instandhaltung der Gebäude brauchten sie keine Sorge zu tragen, denn diese oblag dem Burgvogt im Schloss zu Giesel. Die­ser hatte das Recht, für eigenen Hausbedarf Bier und Wein zu lagern; doch war es ihm verboten, solches auch auszuschenken.

 

Zur Zeit des 30-jäbrigen Krieges findet unser Dorf keine urkund­liche Erwähnung. Nur ein Bildstock aus dem Jahre 1623, einer der ältesten im Fuldaer Land, gibt Zeugnis aus dieser Zeit der Wirren und Verwüstungen. Aber trotz des Fehlens eines urkund­lichen Nachweises kann man annehmen, dass auch unser Dorf nicht ganz verschont geblieben ist. Der nochma­lige Aufbau des Giese­1er Schlosses (1717) und die Wiedererrichtung der Kirche von Klein­heiligkreuz (1696) deuten darauf hin, dass beide ein Opfer des 30-jährigen Krieges wurden. Doch im wesentlichen scheint un­ser Dorf diesen unseligen Krieg gut überstanden zu haben, denn kurz nach dem Westfälischen Frieden (1648) hat sich auch in un­serer Gegend ein star­ker Bevölkerungszuwachs und eine Suche nach Land bemerkbar gemacht.

 

Auch von den späteren Wirren blieb unser Dorf ziemlich unbe­rührt. Eine Ausnahme davon bildete jedoch der Napoleonische Krieg. Während dieses Krieges war Giesel mehrmals von französi­schen Truppen besetzt. Häufige Einquartierungen und zahlreiche Kriegsabgaben hatten die Einwohner so belastet, dass diese kaum noch in der Lage waren, die Pfarrstelle zu erhalten. Man dachte sogar daran, wieder Filiale von Haimbach zu werden. Hunger, Elend und Not zwangen die Bevölkerung, ein kläg­liches Dasein zu fristen. Bald griffen furchtbare Seuchen, die unter den geschlagenen zurückflutenden französischen Heeren ausgebrochen waren, auf die Zivilbevölkerung über, so dass ihnen allein im Jahre 1813 über 60 Personen zum 0pfer fielen.

 

Auch diese schreckliche Zeit ging vorüber. Langsam machte sich wieder eine Aufwärtsent­wicklung bemerkbar, und nach einigen Jahren waren die Wunden dieser furchtbaren Zeit ge­heilt. Giesel wurde nicht Filiale. Es wuchs vielmehr durch den Anschluss von Schlagberg und Hessenmühle, die früher zur Propstei Blankenau gehörten, und vor allem durch die Ein­gliede­rung von Istergiesel (28. Dezember 1830) zu einer größeren Pfarrei heran. Die Größe der Kirchengemeinde ermög­lichte nunmehr im Jahre 1832 das alte baufällige Pfarrhaus, das sich in unmittelbarer Nähe der Kapelle befand, auf zuge­ben und dem Pfarrer ein neues Haus in dem "Jossegarten“ zu erbauen. Aber auch der Bau einer Kirche hatte sich inzwi­schen als dringend notwendig erwiesen, denn die etwa um 1330 erbaute Kapelle war sehr baufällig und vor allem für die große Zahl der Gläubigen zu klein geworden. So wurde durch die tatkräf­tige Mithilfe aller Pfarreinwohner eine größere und schönere Kirche erbaut, die im Jahre 1861 eingeweiht wurde.

 

Während sich zunächst eine Aufwärtsentwicklung anbahnte, machten sich auf wirtschaftli­chem Gebiet bald größere Schwie­rigkeiten bemerkbar. Der Grund lag in dem Niedergang der Töpferei um 1860. Dieses Gewerbe, das die Gieseler schon urkundlich vor 1400 betrieben, war neben den Heidelbeeren, die in den heimischen Wäldern schon immer gut gediehen, die Haupt­einnamequelle für die Bevölkerung gewesen. Zwischen 1850 und 1860 hatten sich aber die gusseisernen Geschirre, die halt­barer als die irdenen Töpfe waren, den Markt erobert, so dass die Töpferwaren mehr und mehr verdrängt wurden. Man sah sich daher gezwungen, das alte Gewerbe aufzugeben und den Gemein­debrennofen, der sich in dem Ortsteil "Dalles" befand, zum Ab­bruch zu verkaufen.

 

So war das alte Handwerk, das seit Generationen in unserem Dorf heimisch war, dem Unter­gang geweiht, und man musste neue Erwerbsmöglichkeiten suchen. - Manche, die sich in der Neuen Welt eine bessere Zukunft erträumten, wanderten nach Amerika aus. Viele gin­gen im Sommer als Maurer nach Westfalen, während die Frauen und Kinder in der Heimat die kleine Landwirtschaft versahen. Im Winter kehrten die Männer wieder nach Hause zu­rück und arbeiteten als Holzfäller. Doch der niedrige Verdienst eines Waldarbeiters reichte nicht für die oft große Familie aus. Frau und Kinder sammelten deshalb noch nebenbei Kienholz, das sie auf dem Schubkarren nach Fulda fuhren und verkauften. Es war eine schlechte und traurige Zeit, die man durch ein kleines Gedichtchen am besten charakterisieren kann:

 

Baer sich i(n) Giesel well denjäehr,

daer moß geh in de schwoaze Bjaer,

daer moß weed o(n) moß hack,

moß Katoffelsplotz back,

moß de klaennne Keng verdeng

o(n) de Schuhe mit Wiede beng.

 

Von den Auswanderern jener Zeit sind uns folgende Personen bekannt: Faust Lorei, geboren am 15. 2. 1805. Er siedelte sich in der Nähe von Fulda im Staate Ohio/USA an. Sein Sohn Wendel, geboren 1834 in West-Virginia, heiratete Katharina Schneider, Tochter des ebenfalls aus Giesel stammenden Phi­lipp Schneider (geb. am 27.7.1806), der im Jahre 1833 nach Ame­rika auswanderte und zu den ersten Siedlern im späteren Fulda (Ohio) zählte. Die Loreis und Schneiders waren große Familien, die mit anderen deutschen Auswanderer-Familien in und um Fulda (Ohio) verwandt waren. Der bekannteste Auswan­derer ist der am 2.10.1821 in Giesel geborene Heinrich Schnell, der Gründer der Stadt Schnellville (Schnellstadt) im Staate Indiana. Er stammte vom Lindenhof. 1847 verließ er Giesel, Frau und Kinder blieben zu­nächst zurück. In der Neuen Welt arbeitete er beim Bau der Eisenbahn auf einem Dampfboot und an der Erwei­terung des Eriekanals. Als er im Jahre 1851 nach Giesel zurück­kehrte, um seine Familie zu holen, waren Frau und Kinder ver­storben. Er hielt sich nur kurze Zeit in der alten Heimat auf und ging noch im selben Jahre nach Amerika zurück. Dort hei­ratete er erneut. Seine zweite Frau schenkte ihm 12 Kinder.

 

Heinrich Schnell war ein tüchtiger und erfolgreicher Geschäfts­mann. Er ließ sich im Bezirk Dubois als Farmer nieder, wo er schließlich im Jahre 1865 die nach ihm benannte Siedlung Schnellville gründete. In der neuen Siedlung stellte er mit seinen Unternehmen (Sägewerk, Mühle, Landwirtschaft) einen be­deutenden wirtschaftlichen Faktor dar. Seine Nachfahren leben zum Teil noch heute in und um Schnellville.

 

Eine Besserung der wirtschaftlichen Verhältnisse trat erst in den letzten Jahren des 19. Jahr­hunderts ein. Sie sollte aber nur von kurzer Dauer sein, denn der erste Weltkrieg brachte auch über unser Dorf zahlreiche Entbehrungen und Enttäuschungen. Viele Junge Männer, die in den Krieg hinausgezogen waren, kehr­ten nicht wieder in die Heimat zurück. Für die anderen, die den Krieg glücklich überstanden hatten, begann ein harter Kampf um die Existenz. Erst in den dreißiger Jahren ging es wieder etwas aufwärts. Doch mit dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges waren alle Hoffnungen auf eine bessere Zukunft geschwunden. Eine große Zahl Junger Menschen wurde zu den Waffen einberufen. 44 kehrten nicht mehr zurück, während andere in harter Gefangenschaft darb­ten und das Schicksal einiger heute noch nicht geklärt ist. Aber auch das Dorf wurde von den Kriegseinwirkungen nicht ver­schont. Mehrere Ge­bäude, Waldstücke und Straßen wurden beim Einzug der Amerikaner am 1. April 1945 durch Artilleriebeschuss in Mitleidenschaft gezogen oder zerstört. Noch waren die Schä­den des Krieges nicht behoben, da sah sich die Gemeinde erneut vor eine schwierige Aufgabe ge­stellt. Etwa 290 Heimatlose, die von Haus und Hof verjagt, in unser Dorf eingewiesen wur­den, mussten menschenwürdig untergebracht werden. Wenn dies auch anfänglich mit erheb­lichen Anstrengungen und Schwierig­keiten verbunden war, so konnte man doch in den letz­ten Jah­ren durch Bau neuer Wohnungen auch hier Abhilfe schaffen. Die damit eingeleitete Entwicklung ging stetig weiter. Im Jahre 1956 erhält der Ort eine Kanalisierung, in der Zeit von 1959 bis 1963 wird die Flurbereinigung durchgeführt und in den Jahren 1964 bis 1966 eine neue Wasserleitung gebaut. Im Jahre 1961 wird die Friedhofskapelle und im Jahre 1964 das Feuerwehr­gerätehaus errichtet, an das im Jahre 1973 ein Backhausanbau erfolgt. Die neue Schule entsteht im Jahre 1965. In der selben Zeit errichtet die Kirchengemeinde ein Ju­gendheim (1960), ein neues Pfarrhaus (1960/61) und die heutige Pfarrkirche St. Lau­rentius (1960/61). Das neue gegenüber der Kirche gelegene Ge­fallenen-Ehrenmal wird am 17.11.1963 eingeweiht. Zum 31.12.1971 gibt Giesel seine kommunale Selbständigkeit auf; es wird auf­grund freiwilliger Entscheidung in die Gemeinde Neuhof einge­gliedert. Sein letzter Bürgermeister war Leonhard Glotzbach, sein letzter Gemeinderechner und Standesbeamte mein Vater Wil­helm Lorei.

 

Heute zählt Giesel ca. 1100 Einwohner. Es ist ein aufstrebender sauberer Ortsteil, der sich durch neu hinzugekommene Baugebiete (Sudetenstraße, Am Mühlberg. Am Rödchen, An der Egert, Am Hohlgraben) mehr und mehr ausgeweitet hat. Durch den Umbau des durch die Eingliederung überflüssig gewordenen Schulgebäudes - seit 1973 besuchen die Kinder die Schule in Neuhof - verfügt Giesel über ein geräumiges, gut eingerichtetes Dorfgemein­schaftshaus, in dem auch der örtliche Kindergarten unterge­bracht ist. Auch eine ausgedehnte am Waldrand gelegene Sport­anlage ist vorhanden. In Giesel herrscht reges Vereinsleben. Eine Gemeinschaft von Vereinen ist es auch, die das Heimatfest, das "Schwoazebjäerfest“, trägt und ausrichtet. Auch zur För­derung des Fremdenverkehrs sind in den letzten Jahren erfreu­liche Anstrengungen unternommen worden.

 

 

(Winfried Lorei 1954, ergänzt 1981)

 

 

 

 

Literatur:           Prof. Prof.

K.        Lübeck, Alte Ortschaften des Fuldaer Landes.

Vonderau, Denkmäler, Reichsabtei Fulda, Bd.II,

im Staatsarchiv Marburg.

Fuldaer Geschichtsblätter 1903, 1905, 1908,

1920, 1933, 1934.

Pfarrberichte und Pfarrbücher der Pfarrämter

Haimbach und Giesel.

Schriftwechsel mit Elisabeth A. Ginsberg, Sil­ver Spring/USA.

Buchenblätter Nr. 17.