Die Jagdleidenschaft des Gieseler Pfarrers Graner

In der Ortschaft Giesel, die fast rundum von Wald umgeben ist, wurde in früherer Zeit ungewöhnlich viel gewildert. Dort wirkte von 1849 bis 1871 der Pfarrer Damian Graner, dem sogar auch der Ruf eines Wilddiebes anhaftete. Er entstammte einer Jägerfamilie aus Neuhof und hatte die Leidenschaft des Jagens geerbt. In dem Walddörfchen fühlte er sich überaus wohl; denn hier konnte er lange Spaziergänge durch das große Waldgebiet unternehmen, wobei er immer seinen Jagdstutzen unter dem Rock trug, um, wenn ihm ein Bock über den Weg lief, denselben mit einem gezielten Schuss zu erlegen. Als er einmal zu einem Sterbenden nach Istergiesel gerufen wurde, machte er sich frühmorgens mit seinem Dienstknecht und Kutscher, Julius Maul, auf den Weg, der durch den Wald führte. Inmitten des Forstes überkam ihn seine Jagdleidenschaft. Er ließ anhalten, nahm sein Jagdgewehr, das er dabei hatte, und schlich durch das Unterholz, um viel leicht ein Stück Wild vor die Flinte zu bekommen. Da ihm bei seinem Vorhaben das Allerheiligste, das er auf der Brust trug, hinderlich war, hängte er es an den Ast eines Baumes. Als nach einer Weile der Begleiter, der mitgegangen war, seinen Herrn an den Schwerkranken, der das Sterbesakrament rechtzeitig bekommen müsse, erinnerte, wurde die Wilderei abgebrochen. Doch da die beiden sich ein beachtliches Stück vom Weg entfernt und dadurch die Orientierung verloren hatten, mussten sie eine geraume Zeit suchen, bis sie den Baum wiederfanden, an dem das Kästchen mit der heiligen Hostie hing.

Trotz des doch noch rechtzeitigen Eintreffens in Istergiesel beschwerten sich die Angehörigen des Dahingeschiedenen bei der bischöflichen Behörde in Fulda über das lange Aus bleiben des Pfarrers. Und so wurde der Seelsorger, von dessen Leidenschaft die kirchliche Obrigkeit wusste, in das Generalvikariat bestellt, wo ihm der damalige Bischof Kött eine gehörige Strafpredigt hielt. Als Graner aufgefordert wurde, sich zu diesem Vorkommnis zu äußern, rechtfertigte er sich mit den Worten: "Exzellenz, wir haben den Heiland doch schon bald wiedergefunden. Maria und Josef haben ihn ja drei Tage lang gesucht!"

(Nach mündlicher Überlieferung erstmals veröffentlicht von Raimund Henkel.)