Aus der Historie

Das Gieseler Heidelbeerfest und seine wahrscheinliche Entstehung

Man kann davon ausgehen, dass nach der Erbauung der alten Pfarrkirche (1659), die zu Ehren des HI. Laurentius geweiht war, kleine Zusammenkünfte nach dem Festgottesdienst am Nachmittag stattfanden.

Da dieses Patronatsfest auf den 10. August fällt, liegt es sehr nahe, dass man mit der Zeit auch ein weltliches Fest damit verband, und zwar das sogenannte Heidelbeer­Erntedankfest.

Wenn man auch in alten kirchlichen Schriften, Urkunden und gemeindlichen Niederschriften von einem Heidelbeerfest oder Heidelbeer-Erntedankfest nichts finden kann, so kann man dies damit begründen, dass es damals noch keine Vereinigungen (Vereine und Verbände) nach der heutigen Art gab. Deshalb auch keine schriftlichen Aufzeichnungen, da die Notwendigkeit des Niederschreibens nicht vorlag. In den kirchlichen und amtlichen Niederschriften waren nur amtliche Eintragungen erlaubt. Private Aufzeichnungen von verschiedenen Vorkommnissen und Feierlichkeiten mögen von Dorfpfarrern und Dorflehrern vorhanden gewesen sein, sind aber wahrscheinlich im Laufe der Zeit verlorengegangen, da sie von deren Nachfolgern und Nachkommen nicht für wichtig erachtet wurden. 

So kann man nur annehmen, dass man sich nach dem Festgottesdienst anlässlich des Patronatsfestes, das bekanntlich von 1859 an jedes Jahr begangen wurde, in geselliger Runde im Pfarrgarten oder Gasthofgarten einfand, zumal damals schon Istergiesel zur Pfarrgemeinde Giesel gehörte.  

Damals hat man sich nicht so oft wie heute gesehen und man war froh, wenn man sich auf St. Laurentius wieder einmal sehen konnte. Bestimmt gab es bei Bier und Korn, vielleicht auch schon bei Heidelbeerwein, viel zu bereden und vermutlich wurde dabei so manches Geschäft getätigt.  Schwierigkeiten gab es damals auch genug; das Töpferhandwerk war 1859 fast ausgestorben.

Da Dorfpfarrer und Dorflehrer die sogenannten Persönlichkeiten in einem Dorf waren, hatten sie großen Einfluss auf das gesamte Dorfgeschehen und standen den Dorfbewohnern in allen Lebensfragen und Entscheidungen als Berater bei. Damals betrieben die Dorfpfarrer noch eine kleine Landwirtschaft, um ihr Auskommen zu sichern. Daher stammen auch heute noch die Pfarräcker und andere Liegenschaften.

Ein Dorflehrer war meistens auf Gedeih und Verderb auf die Dorfbewohner angewiesen, um seine Familie recht und schlecht ernähren zu können. Dabei hat der Dorflehrer immer im Schatten des Dorfpfarrers gestanden und war wiederum zum Teil vom Dorfpfarrer abhängig, da er alle Gottesdienste mitgestaltete, die im Laufe eines Jahres begangen wurden. Ein Zubrot war ihm auch damit sichergestellt. Dies bestätigt um so mehr, dass unser Heidelbeerfest aus dem Patronatsfest St. Laurentius mit aller Wahrscheinlichkeit hervorgegangen ist.

Da der damalige Pfarrer von Giesel (1849-1871), ein gewisser Konstantin Damian Graner, er entstammte einer Neuhofer Försterfamilie, ein leidenschaftlicher Jäger war, ja er hatte sogar den Beinamen und Ruf eines Wilderers erhalten (siehe Jagdleidenschaft), kann man annehmen, dass dieser Pfarrer Graner genau der richtige Pfarrer für Töppegiesel war. Nach der Anekdote von R. Henkel aus Flieden zu urteilen, war er bestimmt ein geselliger Gottesmann und man kann ihm ohne weiteres zutrauen und anhaften, den Grundstein für unser heutiges Heidelbeerfest gelegt zu haben.

Vermutlich hat man zu seiner Zeit auf St. Laurentius damit begonnen, in den Nachmittagsstunden ein Heidelbeer-Erntedankfest im bescheidenen Rahmen zu begehen. Bestimmt gab es auch schon einzelne musizierende Unterhalter mit Geige, Klarinette und Trommel, die auch schon damals bescheiden zum Tanzen musizierten. Wahrscheinlich war der Pfarrer der Stifter von Getränken, die bei der geselligen Runde mit Gesang und etwas Tanz genüsslich getrunken wurden. Diese kleinen Festlichkeiten waren bestimmt für unsere Vorfahren große Vorkommnisse in ihrem alltäglichen Leben, da der Boden um Giesel wenig hergab, aber viel Mühe für das Bestellen der Ackerstücke von jedem abverlangte. Das Auf und Ab der damaligen Zeit kann man aus den Mundartgedichten erkennen, die von Gewerbeoberlehrerin A. Wiegand zusammengestellt wurden.


Schlechte Zeit in Giesel
Baer sich i(n) Giesel weil denjäehr.
deer mass geh in de schwaaze Bjaer,
daer mass weed o(n) mass hack,
moss Karoffelsplotz back,
mass da klaanne keng verdeng,
o(n) de Schuhe mit Wiede bang.

Lokalhymne
Hi, ha, Homel!
De schwaaze Bjaerlied kome.
Se hon an grosse Hanger,
se hon en grosse haare Buch.
Aellere schless, de Schank uf,
da e Pann voß Eier ruis,
schlaase enger de Aesche,
bammer wider waesche!
Rote Bjaer 0(n) schwoaze Bjaar
bammer nur im Himmele wjaenn!

Wenn auch eine Essensurkunde anlässlich des Heidelbeerkuchenessens nach altem Recht und Brauch van Anna 1893 zu Giesel genannt wird, so muss man doch den großen Sprung in unser Jahrhundert tun, um das Heidelbeerfest in Aufzeichnungen wiederzufinden. Die Gieseler Musikanten waren eigentlich diejenigen, die Feste aufrechterhielten. Musikanten aus Giesel werden schon vor der Jahrhundertwende erwähnt und 1914 hat bereits eine auftretende Kapelle bestanden. Erst 1925 wurde in Westfalen, in Erkenschwick bei Recklinghausen, von Gieseler Bauarbeitern der Musikverein ,,Heimatklänge Giesel" gegründet.

Recht und schlecht hat man sich durchgeschlagen und versuchte, Musikfeste und Heimatfeste zu veranstalten. Der 2. Weltkrieg brachte alles zum Erliegen und erst nach diesem fürchterlichen Völkerringen begann das Vereinsleben wieder in unserem Dorf.

Anfang der 50er Jahre veranstaltete der Musikverein das Heidelbeerfest in Giesel. Unter dem damaligen 1. Vorsitzenden des Musikvereins und Bürgermeisters Ferdinand Ruppel wurde das Heidelbeerfest Jahr für Jahr erweitert. 1964 führte der Musikverein unter dem 1. Vorsitzenden Hermann Merz den Aufbau des Heidelbeerfestes fort.

Da Umfang und Größe des Heidelbeerfestes vom Musikverein allein nicht mehr zu bewältigen war, wurde 1971 aus dem Musikverein »Heimatklänge«, dem Sportverein, der Freiwilligen Feuerwehr, dem Taubenverein Über Berg und Tal und der Kolpingfamilie aus Giesel eine Vereinsgemeinschaft gegründet. Es wurde eine Satzung erstellt und in der Verantwortung der "Vereinsgemeinschaft Heimatfest Giesel" (VHG) wird erstmals 1972 das Heidelbeerfest veranstaltet.

Das Heidelbeerfest erlebte einen großen Aufschwung 
als gemeinschaftlicher Veranstalter konnte bei der Ausgestaltung des Programms der drei Festtage auch mehr gewagt werden.

Ab 1977 war es dem Taubenverein nicht mehr möglich, in der Vereinsgemeinschaft mitzuarbeiten, da die Preisflüge es unmöglich machten und die überwiegend älteren Mitglieder ihren Dienst nicht mehr auf sich nehmen konnten.

1980 trat die Katholische Frauengemeinschaft Giesel der VHG bei.

1981 feiern wir nun das 100-jährige Heidelbeerfest und das 10-jährige Vereinsjubiläum der "Vereinsgemeinschaft Heimatfest Giesel" (VHG). 

Mit etwas Stolz schaut die VHG auf diese zehn Jahre zurück. 

Sie hat nicht nur unser Heidelbeerfest, sondern auch unser Dorf Giesel weit über die Grenzen unserer Heimat hinaus bekannt gemacht. 

Wenn wir heute offiziell  keine Beerziss und keinen Beerheinz mehr haben, sondern eine Heidelbeerkönigin und einen Heidelbeerkönig, die auch in der Faschingszeit als Prinzessin und Prinz für die VHG auftreten, so kann man mit Überzeugung sagen, dass es sich gelohnt hat, die VHG zu gründen.